top of page

Scham verstehen – ein stiller Schmerz und der Weg in die Verbundenheit

Scham wirkt im Verborgenen
Scham wirkt im Verborgenen

Scham ist eines der intensivsten und zugleich am wenigsten verstandenen Gefühle. Sie wirkt im Verborgenen, zieht sich in die inneren Schatten zurück, formt unsere Selbstwahrnehmung und unser Verhalten – oft ohne dass wir sie bewusst wahrnehmen. Viele Menschen beschreiben Scham als das Gefühl, „nicht gut genug zu sein“, „falsch zu sein“ oder „wertlos“. Dabei ist Scham ein zutiefst menschliches Gefühl, das uns in unserem sozialen Sein berührt.

In diesem Artikel werfen wir einen wissenschaftlich fundierten Blick auf die Psychodynamik der Scham. Wir beleuchten Erkenntnisse der amerikanischen Sozialforscherin Brené Brown, deren Arbeiten das Verständnis von Scham revolutioniert haben, und verbinden diese mit dem Neuroaffektiven Relationalen Modell (NARM) nach Laurence Heller – einer körperorientierten, traumasensitiven Herangehensweise an frühe Bindungsverletzungen. Ein konkretes Fallbeispiel zeigt abschließend, wie ein heilsamer Umgang mit Scham möglich wird.

Wenn Scham das Licht verdunkelt


Scham ist ein soziales Gefühl. Sie entsteht im Kontext von Beziehung – durch den realen oder verinnerlichten Blick des Anderen. Während Schuld sich auf ein konkretes Verhalten bezieht („Ich habe etwas falsch gemacht“), zielt Scham tiefer: Sie richtet sich auf das eigene Sein („Ich bin falsch“). Diese Unterscheidung ist zentral, um zu verstehen, warum Scham so lähmend und zerstörerisch wirken kann.

Brené Brown beschreibt Scham als „das intensivste, schmerzhafteste Gefühl, das Menschen erleben können.“ Ihre Forschung zeigt: Scham ist eng verknüpft mit der Angst vor Trennung, Ausschluss und sozialer Entwertung – mit der Urangst, nicht dazuzugehören.


Die neurobiologische Dimension der Scham


Neurobiologisch betrachtet aktiviert Scham das autonome Nervensystem in einer Weise, die mit Rückzug, Erstarrung und einem Abbruch sozialer Verbindung einhergeht. Im Rahmen der Polyvagal-Theorie nach Stephen W. Porges spielt hier insbesondere der dorsale Vagusnerv eine Rolle. Er vermittelt Zustände von Abschalten, innerem Rückzug, Gefühllosigkeit – bis hin zur Dissoziation.

Scham hat daher nicht nur eine psychische, sondern auch eine körperlich erfahrbare Dimension: Sie kann „lähmen“, den Blick senken, die Stimme versagen lassen, zu innerem Leeregefühl führen. Diese Reaktionen sind biologisch sinnvoll, um sich im Falle von sozialer Bedrohung zu schützen – können aber chronisch werden, wenn sie Teil einer früh erlernten Überlebensstrategie sind.


Brené Browns Forschung – Scham im sozialen Kontext


In ihren qualitativen Studien mit tausenden Teilnehmenden konnte Brown zeigen: Scham gedeiht im Verborgenen. Sie wird durch Schweigen, Geheimhaltung und (Selbst-)Verurteilung genährt. Der einzige Weg, Scham zu entmachten, ist Empathie – also ein mitfühlendes, nicht urteilendes Gegenüber.

Brown identifizierte darüber hinaus kulturell und geschlechterspezifisch geprägte „Scham-Auslöser“, z. B. Leistungsdruck, Versagensängste, Aussehen, Mutterschaft oder das Ideal von Stärke. Ihre zentrale Botschaft:

„Wenn wir Scham mit Empathie begegnen, verliert sie ihre Macht.“


Die NARM-Perspektive: Scham als Ausdruck früher Beziehungsunterbrechungen


Das von Laurence Heller entwickelte Neuroaffektive Relationale Modell (NARM) bietet eine tiefgreifende Perspektive auf Scham. Hier wird sie nicht nur als aktuelles Gefühl verstanden, sondern als Ausdruck einer frühen Anpassung an verletzende oder überfordernde Bindungserfahrungen.

Kinder sind auf Resonanz angewiesen. Wenn ihre Impulse, Bedürfnisse oder Gefühle wiederholt ignoriert, beschämt oder nicht gespiegelt werden, entsteht ein innerer Konflikt: Um in Beziehung bleiben zu können, beginnt das Kind, sich selbst infrage zu stellen – und erlebt seine Lebendigkeit als „zu viel“, „zu wenig“ oder schlichtweg falsch. So wird Scham zu einer Überlebensstrategie – und später zur Identität.

Zentral in der NARM-Arbeit ist daher nicht die Analyse vergangener Erlebnisse, sondern die Wiederherstellung von Kontakt im Hier und Jetzt: zum eigenen Erleben, zum Körper, zu einem mitfühlenden Gegenüber.


Ein Fallbeispiel: Anna und die Stimme der Scham


Anna (Name geändert), 39 Jahre, kommt in die Praxis, weil sie sich in Gruppen unsicher und „komisch“ fühlt. Immer wieder erlebt sie das Bedürfnis, sich zu verstecken, obwohl sie sich eigentlich nach Verbindung sehnt. Ihre Gedanken kreisen um: „Ich bin zu laut. Ich bin zu fordernd. Ich bin peinlich.“

In der körperorientierten Begleitung zeigt sich bald, dass Anna in ihrer Kindheit häufig für ihren emotionalen Ausdruck beschämt wurde. Aussagen wie „Jetzt hör aber auf, so hysterisch zu sein!“ oder „Reiß dich zusammen!“ haben sich tief in ihr Nervensystem eingeschrieben.

Während einer Sitzung nach NARM lenkt die Therapeutin sanft Annas Aufmerksamkeit auf eine konkrete Situation: Ein leises Zucken in der Schulter, ein plötzliches Engegefühl im Hals, als sie über ein Treffen mit Kolleg:innen berichtet. Die Einladung lautet: innezuhalten, hinzuspüren – ohne Analyse, ohne Interpretation.

„Ich merke, wie ich innerlich wegrutschen will … aber da ist auch etwas in mir, das gesehen werden möchte“, sagt Anna nach einer Weile.

Dieser Moment der gleichzeitigen Präsenz von Schutzmuster (Rückzug) und Lebensimpuls (Verbindung) ist zentral. Im sicheren Rahmen kann Anna langsam beginnen, das Schamerleben nicht mehr als Bedrohung, sondern als Hinweis auf ein altes Schutzbedürfnis zu verstehen. Diese neue Perspektive verändert alles.


Scham verwandeln: Empathie, Körperkontakt und Präsenz


Die therapeutische Arbeit mit Scham ist eine der sensibelsten, aber auch transformierendsten Prozesse. Weder Konfrontation noch „Logik“ helfen – vielmehr braucht es:

  • Empathische Begleitung ohne Bewertung

  • Körperliche Präsenz im Hier und Jetzt

  • Den Aufbau von Selbstmitgefühl

  • Ein Gegenüber, das Co-Regulation ermöglicht

Scham ist schmerzhaft – aber nicht feindlich. Sie zeigt an, wo unsere Integrität, unsere Lebendigkeit oder unser Bedürfnis nach Verbindung verletzt wurden. Sie erinnert an den Ort, an dem wir uns selbst verloren haben. Scham kann transformiert werden – nicht indem wir sie „loswerden“, sondern indem wir ihr mit Mitgefühl und Präsenz begegnen.


Literatur & Quellen (deutschsprachig):


  • Brown, B. (2021). Die Gaben der Unvollkommenheit: Lass los, was du glaubst sein zu müssen, und umarme, was du bist. Kailash Verlag.

  • Heller, L., & LaPierre, A. (2019). Entwicklungstrauma heilen: Alte Überlebensstrategien erkennen – Selbstregulierung und Beziehungsfähigkeit stärken. Kösel-Verlag.

  • Porges, S. W. (2021). Die Polyvagal-Theorie und die Suche nach Sicherheit: Traumabehandlung, soziales Engagement und Bindung. Junfermann Verlag.


Kommentare


Mag.a Corina Handler-Thonhauser

Termine auf Anfrage:

corina.handler-thonhauser@gmx.at

Tel.: 0677 610 812 69
 

Ich bin derzeit in folgenden Praxen:

4655 Vorchdorf, Tachlau 1

4553 Schlierbach, Blumauerstrasse 2

seinundwerden_logo_rgb.jpg
KDF_Werden_Logo.png

sein und werden. Haus für Gesundheit und Entwicklung
4566 Vorchdorf, Tachlau 1
Dienstag & Freitag nachmittag sowie Donnerstag vormittag

Praxisgemeinschaft w e r de n
4553 Schlierbach, Blumauerstrasse 2
Mittwoch und Freitag vormittag

© 2022 Corina Handler-Thonhauser. Erstellt mit Wix.com
 

bottom of page