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Im Hier und Jetzt sein – Warum die Gegenwart unser sicherster Ort ist

Sicherheit im Hier und Jetzt finden
Sicherheit im Hier und Jetzt finden

Im Hier und Jetzt zu sein heißt, mit der Aufmerksamkeit im gegenwärtigen Moment zu verweilen – bewusst wahrzunehmen, was gerade geschieht, ohne zu bewerten oder zu analysieren. Es bedeutet, mit allen Sinnen präsent zu sein: zu spüren, zu sehen, zu hören, zu riechen und zu schmecken, was jetzt ist – im eigenen Körper und in der Umgebung.

Diese Form der Präsenz steht im Gegensatz zu innerer Unruhe, Grübeln oder dem ständigen Planen. Es ist eine innere Haltung der Offenheit gegenüber dem Moment – auch wenn dieser unangenehme Gefühle oder Unsicherheiten birgt. Genau darin liegt ein heilsames Potenzial.

In unserer schnelllebigen Welt, die von Terminkalendern, To-Do-Listen und digitalen Reizen geprägt ist, fällt es vielen Menschen schwer, im gegenwärtigen Moment zu verweilen. Stattdessen kreisen die Gedanken um Vergangenes oder Zukünftiges. Doch was bedeutet es eigentlich, „im Hier und Jetzt“ zu sein – und warum ist dieser Zustand so heilsam für Körper und Seele?

Im Hier und Jetzt mit Achtsamkeit und Präsenz


Die moderne Psychotherapie – insbesondere die Achtsamkeitsbasierte Therapie (z. B. MBSR nach Jon Kabat-Zinn) und körperorientierte Verfahren – betonen die heilende Kraft der Gegenwart. Kabat-Zinn beschreibt Achtsamkeit als „eine besondere Form der Aufmerksamkeit: bewusst, auf den gegenwärtigen Moment gerichtet und ohne zu urteilen“. Studien zeigen, dass regelmäßiges Üben von Achtsamkeit nachweislich Stress reduziert, die Emotionsregulation verbessert und das Wohlbefinden stärkt.

Auch die Polyvagal-Theorie von Stephen Porges liefert eine neurophysiologische Erklärung für die Bedeutung der Gegenwart. Sie beschreibt, wie unser autonomes Nervensystem ständig auf Sicherheit oder Gefahr scannt. Wenn wir präsent sind – mit uns selbst, mit unserem Atem, mit unserer Umgebung – kann sich der ventrale Vagusnerv aktivieren. Dieser ist Teil des parasympathischen Nervensystems und fördert einen Zustand von Verbundenheit, Ruhe und sozialer Offenheit.


Warum fällt es so schwer, in der Gegenwart zu bleiben?


Viele Menschen erleben das Hier und Jetzt nicht als sicheren Ort – vor allem, wenn sie traumatische Erfahrungen gemacht haben oder von chronischem Stress betroffen sind. Dann ist es ein Schutzmechanismus, sich in Gedankenflucht, Aktivismus oder Dissoziation zu verlieren. Aus körperpsychotherapeutischer Sicht sind das kreative Überlebensstrategien, die einst notwendig waren.

Gleichzeitig lässt sich Präsenz üben – ganz behutsam, Schritt für Schritt. Nicht als Leistung, sondern als Einladung: sich selbst wieder spüren zu dürfen, ohne Druck, ohne Ziel. Die Gegenwart ist kein Zustand, den man „erreichen“ muss, sondern ein Raum, in den man immer wieder zurückkehren kann.


Wege in die Präsenz – kleine Übungen für den Alltag


  1. Atem spüren: Lenke deine Aufmerksamkeit auf deinen Atem. Wie fühlt er sich an, wenn er durch die Nase einströmt? Wie bewegt sich dein Brustkorb beim Ausatmen?

  2. 5-4-3-2-1-Methode: Nenne fünf Dinge, die du siehst, vier, die du hörst, drei, die du spürst, zwei, die du riechst und eine, die du schmeckst – eine einfache Übung zur Erdung.

  3. Bewusste Berührung: Lege eine Hand auf dein Herz oder deinen Bauch. Spüre die Wärme, den Kontakt, vielleicht deinen Puls.

  4. Natur erleben: Ein achtsamer Spaziergang im Wald oder das bewusste Betrachten einer Pflanze kann helfen, aus dem Gedankenkarussell auszusteigen.

  5. Körper scannen: Lenke deine Aufmerksamkeit durch den Körper – vom Kopf bis zu den Füßen. Wo spürst du Spannung? Wo Weite? Alles darf da sein.


Präsenz als Schlüssel zur Selbstverbindung


Im Hier und Jetzt zu sein bedeutet, sich selbst und der Welt in einer tieferen Weise zu begegnen. Es geht nicht darum, immerzu präsent zu sein, sondern sich immer wieder neu in die Gegenwart einzuladen. Präsenz ist ein Zustand von Verbindung – zum Körper, zur inneren Welt, zur Umgebung.

In der Tiefe bedeutet „im Hier und Jetzt sein“ oft auch: sich selbst wieder spüren zu dürfen, in einer Welt, die oft viel zu laut ist. Und manchmal ist dieser Moment – ganz schlicht, ganz unspektakulär – genau das, was heilt.



Die Rolle der Körperpsychotherapie


Körperorientierte Psychotherapeut*innen wie Wilhelm Reich, Alexander Lowen, Peter Levine oder auch Bessel van der Kolk haben die Bedeutung der Körperwahrnehmung für die psychische Gesundheit hervorgehoben. Im Zentrum steht die Erfahrung, dass der Körper nur jetzt erlebt werden kann. Während Gedanken in Vergangenheit oder Zukunft abschweifen können, ist der Körper immer im Moment verankert. Über diese unmittelbare, sinnliche Wahrnehmung eröffnet sich der Zugang zur Gegenwart.

Peter Levine, der Begründer von Somatic Experiencing®, betont, dass Traumaheilung nur im sicheren Kontakt mit dem gegenwärtigen Moment geschehen kann. Durch langsames, achtsames Spüren des Körpers wird es möglich, alte Spannungen zu lösen und neue Erfahrungen von Sicherheit und Regulation zu machen. Auch in der Craniosacralen Therapie oder der Hakomi-Methode spielt die Präsenz eine zentrale Rolle – sowohl für die Klientin als auch für die Therapeutin.


Literatur & Quellen (deutschsprachig):


  • Kabat-Zinn, J. (1990): Full Catastrophe Living

  • Levine, P. (2010): Sprache ohne Worte

  • Porges, S. (2011): Die Polyvagal-Theorie

  • Van der Kolk, B. (2014): The Body Keeps the Score

  • Ogden, P., Minton, K., Pain, C. (2006): Trauma and the Body


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Mag.a Corina Handler-Thonhauser

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